Die drei Rechenbücher von Adam Ries aus den Jahren 1518, 1522 und 1550.

Literatur

Wir empfehlen drei publizierte Darstellungen als Einführung in die Thematik und zur Vertiefung:

Gerritzen L, Hrsg. (2008) Zwanzigeins - für die unverdrehte Zahlensprechweise. Universitätsverlag Brockmeyer, Bochum

Meyerhöfer W (2015) Zweizehneins, Zwanzigeins, Einundzwanzig. Skizze einer stellenwertlogisch konsistenten Konstruktion der Zahlwörter im Deutschen. Pädagogische Korrespondenz 52/15: 21-41.

Gaidoschik M (2015). Einige Fragen zur Didaktik der Erarbeitung des „Hunderterraums“. Journal für Mathematik-Didaktik, 35 (1), 163-190


Zudem empfehlen wir zwei pädagogische Arbeiten:

Eckstein B (2020) Verdrehte Zahlwörter. Trick zehnsieben hilft! Eigenverlag Berthold Eckstein, Wuppertal (E-Mail: Bruchzahlen@gmx.de)

Summer A (2019) Der liebenswerte Zehner: Warum wir beim Aussprechen einer Zahl den Einer vor dem Zehner sagen. Sankt Pölten, forfuture Verlag Jörg Summer.


Des Weiteren weisen wir auf die folgende Publikation hin:

Schuppener G (2014) Warum 21 einundzwanzig heißt: Die höheren Einerzahlwörter im Deutschen. Geschichte ihrer Bildung und Reformideen. Wien: Praesens Verlag, 2014. S. 126. ISBN 978-3-7069-0819-1.


Wir beschreiben diese sechs Arbeiten im Folgenden.


Gerritzen 2008, 161 Seiten

         
Gerritzen L, Hrsg. (2008) Zwanzigeins - für die unverdrehte Zahlensprechweise. Universitätsverlag Brockmeyer, Bochum

Das Buch, herausgegeben von dem langjährigen Vorsitzenden unseres Vereins, Herrn Prof. Dr. Lothar Gerritzen, berichtet zu verschiedenen Facetten der deutschen Zahlensprechweise und den damit verbundenen Problemen. Es stellt die wichtigste Zusammenstellung von Fakten, Argumenten und Meinungen zur Thematik aus Sicht von aktiven Vereinsmitgliedern dar.

Nach Schließung des Universitätsverlages Brockmeyer wurden alle Rechte vom Verlag zurückgegeben, und es wurde einer Veröffentlichung des Buches auf der Homepage unseres Vereins Zwanzigeins e.V. zugestimmt:

Gerritzen et al (2008) - Zwanzigeins.pdf

Inhaltsübersicht​

1. Initiativen zur Einführung der unverdrehten Zahlensprechweise

1.1 Zur Zwanzigeins–Bewegung (von Lothar Gerritzen)

1.2 Warum wir Zahlen von hinten nach vorne lesen und warum das nicht so bleiben muss (von Lothar Gerritzen)

1.3 Sachstand, Probleme, Lösungen (von Walter Jacob)

1.4 Vierzig und Acht – Ein Pionier der Zahlensprechweise (Erinnerungen an meinen Vater) (von Alfred Schellenberger)

1.5 Exkurs von Wilhelm Förster aus dem Jahre 1900

1.6 Artikel von A. Schülke aus dem Jahre 1915

1.7 Zur Einführung der normalen Sprechweise bei Zahlen von 13 bis 99 im Deutschen (von Martin Schwarz)

2. Auswirkungen der verdrehten Zahlensprechweise

2.1 Kinder mögen „Zwanzigeins“ (von Paul Kimmeskamp)

2.2 Chancengerechtigkeit im Mathematik–Unterricht der Waldschule (von Sigrid Eiskirch)

2.3 Die nicht – invertierte Zahlensprechweise im arithmetischen Anfangsunterricht – ein Versuch (von Maria Ammareller)

2.4 Die deutschen Zahlwörter verunsichern Dyskalkuliker (von Jochen Donczik)

2.5 Für das Gehirn ist es nicht egal, in welcher Sprache gerechnet wird, nach Prof. Michel Fayol (von Lothar Gerritzen)

2.6 Eine psychologische Untersuchung zur Zahlensprechweise im Grundschulalter (von Martin Jäger und Oliver Artmann)

2.7 Russisch-Deutsch: Schwierigkeiten beim Erlernen de deutschen Zahlwörter (von Natalja Marra)

2.8 Die Diskrepanz zwischen der geschriebenen und der gesprochenen Zahl (von Matthias Heinichen)

3. Wandel von Zahlsprechweisen

3.1 Die norwegische Zahlsprechreform von 1951 (von Kjell Ivar Vannebo)

3.2 Die Zahlensprache in Norwegen (von Jürgen Voigt)

3.3 Die Köbelschen Zahlentafeln nach 1517 (von Richard Hergenhahn)

3.4 Die konsequente Zahlensprechweise in der Türkei (von Jürgen Voigt)

3.5 Änderungen der Zahlwörter im Englischen (von Florian Althoff)

3.6 Die Sprechweise im Tschechischen: Geschichte und Gegenwart (von Bozena Himmel)

3.7 Einfache Zählsysteme in der EU (von Heinrich Hemker)

3.8 Chronik der Zahlsprechweisen (von Lothar Gerritzen)

4. Wichtige Aspekte

4.1 Bericht über ein Unglück (von Waldemar Reinecke)

4.2 Das Simultandolmetschen von verdreht ausgesprochenen Zahlen (von Diletta Pinochi)

4.3 Erinnerungen an den Schulunterricht mit der verdrehten Zahlensprechweise (von Stephan Herzog)

4.4 Wie hoch ist der wirtschaftliche Schaden? (von Günter Lößlein)

4.5 Die gesprochene Zahl und die in Worten geschriebene Zahl (von Manfred Hauenschild)

4.6 Deutsch als Fremdsprache – und dann noch diese Zahlnamen (eingeleitet von Uwe Jakomeit)

5. Meinungen und Beobachtungen

5.1 Für die Leichtigkeit des Zählens (von Ernst Peter Fischer)

5.2 Offizielle Stellungnahmen zu Zwanzigeins (zusammengetragen von Jürgen Voigt)

5.3 Walisische Zahlsprechreform (von Christine Todsen)

5.4 Opfer der verdrehten Sprechweise (von Julia Kämpken)

5.5 Überall Zahlendreher (von Peter Kuhn)

5.6 Additionsaufgaben für deutsche und chinesische Muttersprachler (von Song Yan)

5.7 Erlebte Missverständnisse auf Grund verdrehter Zahlensprechweise (von Knut Ipsen)

6. Briefe an den Herausgeber schreiben​

​Eine Zusammenfassung wurde auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Didaktik der Mathematik (GDM) vorgetragen:

Gerritzen L (2009) Zwanzigeins statt einundzwanzig – zur Geschichte und Didaktik der verdrehten Zahlensprechweisen. In M. Neubrand (Hrsg.), Beiträge zum Mathematikunterricht 2009 (S. 571–574). Münster: WTM-Verlag. https://core.ac.uk/download/pdf/46913723.pdf

Die Schulpsychologin und Erziehungsberaterin Beatrix Staub-Verhees zitiert dies Buch im Rahmen der Vorstellung ihres Besta-Rechenkonzepts, speziell zugeschnitten auf kognitiv beeinträchtigte Kinder, Jugendliche und Erwachsene:

„Bei den zweistelligen gemischten Zahlen (z. B. 75) ergibt sich ein oft beklagtes und nicht zu unterschätzendes Problem: Nicht nur beginnt das Zahlwort jetzt beim Einer (fünfundsiebzig), sondern die Zahlensprechweise stimmt nicht mit der Schreibrichtung der Ziffernfolge überein! Wie verwirrend das ist, zeigt das Beispiel: Man sagt ` fünf' und schreibt die Ziffer 7; dann schreibt man die Ziffer 5 und sagt ` und siebzig'.

Die unzweifelhaft beste Lösung aber wäre es, wenn es endlich gelingen könnte, das Problem der verdrehten deutschen Zahlensprechweise ganz aus der Welt zu schaffen! Dieses Ziel streben übrigens einige engagierte Wissenschaftler und Praktiker an, die sich vor einigen Jahren im Verein `` Zwanzigeins‘ zusammengeschlossen und kürzlich ihre Argumente auch als Buch publiziert haben.“

Eine knappe Übersicht zur Problem- und Sachlage enthält die folgende Darstellung in den "Sprachnachrichten":

Gerritzen_Morfeld 2019_Sprachnachrichten.pdf


Meyerhöfer 2015, 21 Seiten​

​Meyerhöfer W (2015) Zweizehneins, Zwanzigeins, Einundzwanzig. Skizze einer stellenwertlogisch konsistenten Konstruktion der Zahlwörter im Deutschen. Pädagogische Korrespondenz 52/15: 21-41

Der Aufsatz von Dr. Wolfram Meyerhöfer, ehem. Mathematikdidaktiker an der Universität Paderborn, diskutiert die Probleme der deutschen Zahlensprechweise aus einer strukturellen und einer pädagogischen Perspektive. Meyerhöfer bewertet die herkömmliche verdrehte Sprechweise wie folgt: „Man kann es so sagen: Die Zahlbenennung im Deutschen (und Englischen) torpediert eine strukturierte Zahlauffassung.“ Seine Kritik betrifft also ebenfalls das englische System mit seinen Drehern bis zur Zahl 19.

Inhaltsübersicht

I. Inkonsistenzen der bisherigen Zahlbenennung im Deutschen

II. Probleme, die sich aus den Inkonsistenzen der Zahlbenennung im Deutschen ergeben

III. Zum Umgang mit den Problemen, die sich aus den Inkonsistenzen der Zahlbenennung im Deutschen ergeben: Explizieren der lnkonsistenzen und veränderten Zahlsprechweisen

IV. Alternative Zahlbenennungen I: Der Ansatz "Zwanzigeins"

V. Alternative Zahlbenennungen II: Der Ansatz "Zweizehneins"

VI. Empirische Andeutungen

Diese Arbeit kann frei heruntergeladen werden: http://bit.ly/Meyerhöfer-Zweizehneins


Gaidoschik 2015, 28 Seiten

Gaidoschik M (2015). Einige Fragen zur Didaktik der Erarbeitung des „Hunderterraums“. Journal für Mathematik-Didaktik, 35 (1), 163-190.

Michael Gaidoschik ist Professor für Didaktik der Mathematik im Primarbereich der Freien Universität Bozen.

In Abschnitt 4 mit dem Titel "Warum Notation und Sprechweise in einem Lernschritt?" diskutiert der Autor in dem o.g. Aufsatz die fehlende didaktische Aufarbeitung des Problems der verdrehten deutschen Zahlensprechweise anhand von Schulbüchern:

„Denn auf derselben Schulbuchseite (und sie ist typisch für aktuelle Schulbücher und entspricht vermutlich auch verbreiteter Unterrichtspraxis) wird in eine Lerneinheit gepackt, was drei durch stoffdidaktische Analyse isolierbare, sachlogisch aufeinander aufbauende Lerninhalte ausmacht:

● Zehner als Bündelung von zehn Einern und zweistellige Zahlen als Zusammensetzungen aus Zehnern und Einern verstehen (Bündelungsprinzip);

● verstehen, dass die Anzahlen von Zehnern und Einern mit denselben Zeichen (Ziffern) festgehalten werden; dass außerhalb einer Stellentabelle nur die Position des Zeichens anzeigt, ob Zehner oder Einer damit bezeichnet werden; dabei zur Kenntnis nehmen und sich früher oder später merken, dass Zehner links von den Einern notiert werden (Positionsprinzip);

● schließlich: die Idiotien der Zahlwortbildung in der deutschen Sprache durchschauen.“

Und Gaidoschik kommentiert zu unserem Verein Zwanzigeins e.V.:

"Solange der Verein keinen Erfolg hat, liegt hier eine Herausforderung für die deutschsprachige Fachdidaktik: Designs für einen Unterricht zu entwickeln und zu evaluieren, der Kinder bestmöglich dabei unterstützt, diese sprachbedingte Hürde zu überwinden. Und das sollte wohl früh geschehen, weil nachvollziehbar ist, dass Unsicherheiten bezüglich der Sprech- und Schreibweise sich negativ auch auf die Entwicklung von Rechenstrategien, die Einstellung zur Grundschulmathematik insgesamt auswirken".

„In diesem Punkt habe ich mich über die neu bearbeiteten Begleitbände zur aktuellen Auflage des Schulbuchs 'Zahlenbuch' gefreut. Im Begleitband zu 'Zahlenbuch 1' halten die Autoren fest:

An dieser Stelle [der ersten Erarbeitung des Bündelungsprinzips, Anm. M.G.] sind die Sprechweisen noch nicht so      wichtig wie später. Wichtig ist hier die klare Unterscheidung von Zehnern und Einern, die durch die Stellentafel nahegelegt wird. … Sprechweisen wie 'vierzigunddrei' statt 'dreiundvierzig' sind völlig akzeptabel, nicht nur hier, sondern auch im späteren Unterricht. Sie sind durch das Vertauschungsgesetz gedeckt. (Wittmann u. Müller 2012a, S. 40)

Im Begleitband zu Zahlenbuch 2 wird das noch einmal bekräftigt (vgl. Wittmann u. Müller 2012c, S. 22). Ich plädiere aber dafür, diesen Gedanken weit offensiver zu vertreten. Sprechweisen wie 'vierzigunddrei', zuvor und vor allem aber 'vier Zehner (und) drei Einer', halte ich nicht nur für 'völlig akzeptabel', sondern in der Phase der Erarbeitung grundlegender Einsichten zum Dezimalsystem aus den genannten Gründen für didaktisch empfehlenswert.“


Eckstein 2020, 95 Seiten

Eckstein B (2020) Verdrehte Zahlwörter. Trick zehnsieben hilft! Eigenverlag Berthold Eckstein, Wuppertal (E-Mail: Bruchzahlen@gmx.de)

Berthold Eckstein war Lehrer und Lerntherapeut und hat sich u.a. mit dem frühen mathematischen Lernen beschäftigt.

Der Autor möchte mit seinem Buch anregen, deutsche Zahlwörter im Mathematikunterricht systematisch zu behandeln. Es geht ihm darum, dass Stellenwerte sicher erkannt und Zahlendreher vermieden werden. Eckstein stellt eine stellenwertgerechte Sprechweise für die Schule vor, erläutert ihre didaktische Funktion, erklärt Hintergründe und entwirft eine pädagogische Umsetzung.

Hier der Flyer zum Buch: Flyer_Eckstein_2020.pdf

Das Buch hat zwei Adressatenkreise: Kinder und Erwachsene. Entsprechend ist das Buch aus zwei Leseteilen aufgebaut. Der eine Teil enthält Geschichten und Sachtexte für Kinder und Jugendliche, der andere Teil dazu passende Hintergrundinformationen für Erwachsene. Hierzu Infos: Eckstein_2020-Text für Kinder (Auszug).pdfEckstein_2020-Text für Erwachsene (Auszug).pdf


Summer 2019, 32 Seiten

Summer A (2019) Der liebenswerte Zehner: Warum wir beim Aussprechen einer Zahl den Einer vor dem Zehner sagen. Sankt Pölten, forfuture Verlag Jörg Summer

Dr. Anita Summer ist Hochschullehrende für Fachdidaktik Mathematik an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems.

Das Kinderbuch arbeitet die Verdrehung von Einer und Zehner auf kindgerecht-emotionale Weise in einer Erzählung auf, in der Einer, Zehner, Hunderter und Tausender als Personen auftreten, die ihren unterschiedlichen "Wert" und ihre "Rangfolge" stets offen darstellen, worunter der Einer als Kleinster leidet und traurig ist. Der Zehner hat Mitleid und lässt daraufhin dem Einer bei der Sprechweise den Vortritt, damit dieser nicht immer der Letzte sein muss. 

Obwohl als ein didaktischer Zugang zur Behandlung des Themas eingängig, kann dies Kinderbuch nur eine Hilfestellung sein und entschärft die Problematik möglicherweise nicht hinreichend. Ein praktischer Einsatz im Unterricht mit einer begleitenden, empirischen Untersuchung zur Messung der Wirksamkeit dieser didaktischen Maßnahme wäre sinnvoll. 

Die Geschichte findet in einem Gasthaus statt, möglicherweise könnte auch ein kindgerechteres Setting gewählt werden. Zudem sollte den Schulkindern sicherlich vermittelt werden, dass die Geschichte nicht den wahren Grund liefert, "warum wir beim Aussprechen einer Zahl den Einer vor dem Zehner sagen". Eine stellenwertgerechte Sprechweise wird nicht vorgestellt. 



Schuppener 2014, 126 Seiten

Schuppener G (2014) Warum 21 einundzwanzig heißt: Die höheren Einerzahlwörter im Deutschen. Geschichte ihrer Bildung und Reformideen. Wien: Praesens Verlag, 2014. S. 126. ISBN 978-3-7069-0819-1.

Prof. Dr. Dr. Georg Schuppener ist Sprachwissenschaftler am Institut für Germanistik der Jan-Evangelista-Purkyně-Universität Ústí nad Labem in Tschechien.

Georg Schuppener untersucht in diesem Buch Argumente für eine Veränderung der Sprechweise der Zahlwörter im Deutschen aus sprachwissenschaftlicher und sprachgeschichtlicher Perspektive. Er gibt einen Überblick zur Geschichte der Zahlwortbildung im Deutschen im Vergleich mit anderen Sprachen, da „eine größere sprachvergleichende Untersuchung der betreffenden Zahlwörter sowie ihrer Entstehungsgeschichte und -hintergründe bislang fehlte“. Zwanzigeins e.V. begrüßt ausdrücklich, dass der Autor diese Lücke zu schließen versucht, denn wir bemühen uns bereits seit dem ersten im Jahr 2004 von Lothar Gerritzen organisierten Kolloquium um eine Einbindung der Sprachwissenschaft in die Thematik.1 Dementsprechend empfehlen wir die Kapitel 3 und 4 in Schuppener 2014 mit den Überschriften „Wortbildung bei höheren Einerzahlen“ und „Ursachen der Wortbildungsstruktur“.2 Das Kapitel 2 „Die Modifizierungsforderung für höhere Einerzahlwörter im Deutschen“ enthält zudem interessante historische Hinweise, mit denen wir unsere Chronik ergänzen konnten (siehe: https://zwanzigeins.jetzt/infos). Der Autor widmet Kapitel 5 und Kapitel 6 einer „Beurteilung“ sowie den „Erfolgsaussichten“ des Reformvorhabens: „Wie bereits betont, besitzt das Reformbemühen argumentativ einige Schwächen. Dies beginnt bereits bei der grundlegenden Frage, warum eine solche Reform überhaupt notwendig und sinnvoll sein sollte. Die Gründe dafür können nicht zwingend belegt werden“ (Schuppener 2014, S. 94). In diesen Kapiteln 5 und 6 verlässt Schuppener bisweilen den Bereich der Sprachwissenschaft und bezieht Überlegungen z.B. aus der Kognitionspsychologie ein. Dieser Teil des Buches ist weniger überzeugend, denn zentrale Thesen des Autors, auf denen dessen ablehnende Haltung zu den Reformbemühungen beruht, sind unzutreffend bzw. überholt. Wir erkennen fünf solcher zentralen Thesen in Schuppener 2014, die wir im Folgenden besprechen.

These 1: Der Autor schreibt zu Gerritzen et al. 2008: „Die hier wiederum angesprochene Schwierigkeit für Schüler, mit den höheren Einerzahlen zu operieren, und die bisweilen sogar drastisch ausgemalten vermeintlichen Nachteile von Schülern sind nicht valide belegbar“ (Schuppener 2014, S. 101).

These 1.1: Zur Untermauerung der These 1 bemüht der Autor Ergebnisse von PISA-Studien, in denen sich die „vermeintlichen Nachteile … jedenfalls nicht wider[spiegeln]“ (Schuppener 2014, S. 101). Jenny Ekström belastete bereits in ihrer Arbeit aus 2012 Ergebnisse von PISA-Studien als Beleg für einen fehlenden Nachweis; entsprechend führt Schuppener als zusätzliche Stütze der These 1 Frau Ekströms Folgerung an: „Die Befürworter benötigen daher mehr Belege für ihre Aussagen“ (Schuppener 2014, S. 104). Schuppener wendet allerdings selbst ein, dass die abgefragten Leistungen in den PISA-Studien „freilich weit über die Arithmetik hinausgehen“ (Schuppener 2014, S. 102). Aus Sicht von Zwanzigeins e.V. sollten allein aus diesem Grund anstelle der PISA-Studien die wesentlich passgenaueren TIMSS-Untersuchungen diskutiert werden. Aus den Ergebnissen dieser größten internationalen Vergleichsstudien zu den mathematischen (und naturwissenschaftlichen) Leistungen von Schulkindern, auch am Ende der Grundschulzeit, ergibt sich unmittelbar die Hypothese, dass die verdrehte Zahlensprechweise im Deutschen eine nachteilige Auswirkung auf die mathematischen Leistungen der deutschsprachigen Schulkinder hat. Wir belegen dies ausführlich in https://zwanzigeins.jetzt/projekte. Auch gehen wir dort auf die Arbeit von Jenny Ekström ein. Eine Abstützung auf PISA-Studien ist nicht zielführend und überholt.

These 1.2: Der Autor stützt These 1 zudem auf die kognitionspsychologische Arbeit von Brysbaert et al. 1998, wenn er folgert: „Experimentell ließen sich so keine belastbaren Belege für einen negativen Einfluss der Bildungsreihenfolge E+Z bei den höheren Einerzahlwörtern mit Blick auf das Rechnen finden“ (Schuppener 2014, S. 80). In dieser Untersuchung wurden erwachsenen Studierenden einfache Additionsaufgaben gestellt, wie 21+4 oder 4+21. Wir ordnen dieses Experiment unter dem wichtigen Aspekt, dass die Untersuchung an Erwachsenen stattfand, in die Vielzahl der psychologischen Studien ein, die einen nachteiligen Effekt bei Schulkindern eindeutig beschreiben (siehe https://zwanzigeins.jetzt/infos/deutsch-und-niederlaendisch). Dieser nachteilige Effekt zeigt sich bei Schulkindern auch bei Verwendung englischer Numeralien, die erst ab 21 stellenwertgerecht aufgebaut sind (https://zwanzigeins.jetzt/infos/walisisch-tamil-chinesisch-vs-englisch). Eine Abstützung allein auf die Arbeit zu Erwachsenen von Brysbaert et al. 1998 ist unzureichend und überholt.

These 2: „Wie eine Reform konkret umgesetzt werden sollte, scheint den Befürwortern im Detail noch unklar zu sein“ (Schuppener 2014, S. 105). Zwanzigeins e.V. hat einen detaillierten Vorschlag erarbeitet: https://zwanzigeins.jetzt/projekte/vorschlag-zahlensprechweise. Insofern trifft diese Kritik des Autors nicht zu bzw. diese Kritik ist überholt.

These 3: Der Autor sieht in der verdrehten Zahlensprechweise eine besondere Funktion: „Die Bildungsweise besitzt bis heute pragmatische Funktion, vor allem indem sie beim Aufzählen das distinktive Merkmal heraushebt“ (Schuppener 2014, S. 110). Schuppener erläutert3: „Die Ursache für die Wortbildungsstruktur E+Z liegt somit darin, dass das Wesentliche und Unterscheidende betont wird und damit zugleich am Anfang steht, nämlich die Einerzahl, die sich innerhalb der Dekade verändert, während der Zehner gleich bleibt“ (Schuppener 2014, S. 68). Und dies harmoniere mit dem „germanischen Initialakzent“, also einer Betonung des ersten Zahlwortteils (Schuppener 2014, S. 70). Die Argumentation ist allerdings nur nachvollziehbar, wenn die „Reihenfolge noch eher vom Abzählen, d.h. von der reihenden Zählpraxis herstammt“ (Schuppener 2014, S. 66). Die o.g. „pragmatische Funktion“ beschränkt sich somit auf das Abzählen, denn Zahlwörter wurden nach Schuppener für das Zählen geschaffen: „abzählend intendierte Zahlwortbildung“ (Schuppener 2014, S. 70). Es bleibt aus Sicht von Zwanzigeins e.V. unklar, wieso Sprachen wie das Chinesische und Englische von der verdrehten Sprechweise abweichen, wenn es denn stimmt, dass bis heute die pragmatische Funktion des Zahlworts immer noch auf das Abzählen bezogen ist. Es ist allerdings eher anzunehmen, dass das Abzählen als Funktion des Zahlworts in seiner Bedeutung zurückgetreten ist. Denn Zahlen übernehmen heute deutlich über das Zählen hinausgehende Funktionen. So wird im Stellenwertsystem dokumentiert, geordnet und gerechnet, ohne dass ein Abzählen erforderlich wäre. Größenordnungen von Zahlen sind im Positionssystem vergleichbar, ohne jedes Zählen. Wir benötigen und verwenden Zahlwörter, um solche Aktionen auf Basis des Stellenwertsystems durchführen zu können, bewusst losgelöst von einem Abzählen. Auch der Hinweis auf den „germanischen Initialakzent“ scheint uns wenig hilfreich. Im Englischen liegt beim Sprechen der Zahlen von 13 bis 99 die Betonung auf dem letzten Wortteil, d.h. man folgt im Englischen selbst beim Zählen nicht dem germanischen Initialakzent. Und so zählt man auch im Deutschen von 101 bis 109, ohne dass dies sprachlich ungewöhnlich wirkt. Insgesamt ist daher die These einer bis heute gültigen, besonderen pragmatischen Funktion der verdrehten Zahlensprechweise wenig überzeugend.

These 4: „Die Reformidee krankt aber insbesondere daran, dass sie ein technisch-instrumentales Verständnis von Sprache zugrunde legt“, und Sprache „lediglich technisch als Instrument des Informationsaustausches gesehen wird“ (Schuppener 2014, S. 95). Der Autor betont dagegen die „historische Gewachsenheit“ und „identitätsstiftende Funktion“ der Formen, die „beim Gebrauch von Sprache relevant sind und so die Verwendung der Sprache wesentlich mitbestimmen“ (Schuppener 2014, S. 96). D.h., wenn sich unterschiedliche Bildungsprinzipien für Numeralia entwickeln, so haben diese nach Ansicht des Autors in der jeweiligen Sprache einen Eigenwert, sie übernehmen eine allgemeine Funktion, nämlich das Stiften von Identität. Konkret bezieht sich Schuppener auf die Ausführungen des Mathematikhistorikers Karl Menninger, wonach in der Regel „Zahlsprache und Zahlschrift … nicht zusammenfallen“ und wonach „die Zahlschrift nicht die Abbildung der Zahlwortreihe“ darstellt und umgekehrt (Schuppener 2014, S. 109). Hier müssen wir klarstellen: Zwanzigeins e.V. vertritt kein reduziertes, technisch-instrumentales Verständnis von Sprache, sondern ein geschichtliches, denn gerade die historische Gewachsenheit der Numeralia belegt, dass sich ihre Form ändern kann, wie es sich z.B. im Englischen ereignet hat. In diesem Zusammenhang ist von Interesse, wie der von Schuppener zitierte Karl Menninger die Situation beurteilt, dem sicherlich ein ausgeprägt historisches Verständnis von Zahlsprache und Zahlschrift zu unterstellen ist. Menninger behandelt in seinem Werk auch die "störende Zehner-Einer-Umstellung" (Band I, S. 65), und kommentiert - nach einem historischen Exkurs - diesen Dreher von Einern und Zehnern wie folgt (Band I, S. 84): "Verwirrend ist er ohne Zweifel, aber wir mögen ihn doch nun, da wir seine Geschichte kennen, milder beurteilen. Das spricht nicht dagegen, dass wir ihn heute ausmerzen sollten" (siehe Details in der Chronik: https://zwanzigeins.jetzt/infos). Es ist also keinesfalls so, dass sich aus der „historischen Gewachsenheit“ für die Sprechenden notwendig eine „identitätsstiftende Funktion“ der Form, d.h. der verdrehten Sprechweise ergibt, wie der Autor meint. Denn das Beispiel des zitierten Karl Menninger belegt das Gegenteil: es kann sich ein Anlass für Veränderung ergeben; so wie es auch im Englischen war.

These 5: Schuppener bemerkt: „Aus historischer Perspektive erkennt man, dass es eine grobe Vereinfachung ist anzunehmen, dass überall ein dezimales System naturgegeben sei“ (Schuppener 2014, S. 109). Auch hier müssen wir klarstellen: nirgendwo hat Zwanzigeins e.V. vertreten, dass es eine „naturgegebene Prävalenz eines bestimmten Modells“ gibt (Schuppener 2014, S. 109). Zwanzigeins e.V. ist genau nicht der Auffassung, dass das Stellenwertsystem „naturgegeben“ ist. Im Gegenteil, das Positionssystem wurde hart erarbeitet und stellt ein Kulturerbe der Menschheit dar (siehe die Ausführungen in https://zwanzigeins.jetzt/projekte/immaterielles-kulturerbe-2019). Aus unserer historischen Perspektive zum Stellenwertsystem erscheint die folgende Darstellung des Autors irreführend: es „muss betont werden, dass der … mit der Notation in arabischen Ziffern im dekadischen Stellenwertsystem verbundene Zahlbegriff als Entwicklung der frühen Neuzeit identifiziert werden kann“ (Schuppener 2014, S. 61). Das Stellenwertsystem ist jedoch keine „Entwicklung der frühen Neuzeit“, sondern wurde in Indien bis ca. 500 n.Chr. entwickelt, Anfang des 9. Jahrhundert von al-Hwarizmi in Bagdad ausgearbeitet, über Arabien ab dem 12. Jahrhundert in Europa bekannt und setzte sich erst in der Renaissance durch (siehe die Ausführungen in https://zwanzigeins.jetzt/projekte/immaterielles-kulturerbe-2019). Es liegt eine Fehldeutung durch den Autor vor: Die Reformbewegung ist sich der historischen Dimension von Sprache, aber auch der Geschichtlichkeit von mathematischen Leistungen und ihrer politischen Aspekte sehr wohl bewusst.

Fazit

Eine sprachwissenschaftliche und sprachgeschichtliche Beschäftigung mit den Besonderheiten der Numeralia von 11 bis 99 war überfällig. Insofern ist die hier besprochene Ausarbeitung (Schuppener 2014) zu begrüßen. Allerdings sind die pejorativen Kommentierungen des Reformbemühens zur Zahlensprechweise nicht begründet, oder sie beziehen sich auf selektierte bzw. überholte Studien.

Fußnoten:

1Entgegen der Darstellung auf S. 97 in Schuppener 2014, wonach kein „ausgewiesener Linguist“ auf dem Kolloquium zum Zahlenaussprechsystem an der Ruhr-Universität Bochum im Jahre 2004 referierte, trug auf Einladung der Philologe Prof. Dr. Menge, Universität Bochum, vor (siehe S. 9 im Sammelband Gerritzen et al. 2008). Zudem enthält der Sammelband auf den Seiten 95-104 einen Beitrag des Linguisten Prof. Dr. Vannebo, Universität Oslo. Es trifft daher nicht zu, dass dieser „Sammelband … dementsprechend (kritische) Stellungnahmen von Sprachwissenschaftlern weitgehend aus[blendet]“ (Schuppener 2014, S. 97).

2„Die bislang kaum erfolgte Betrachtung der Thematik wird auch dadurch belegt, dass es in dem … wenig umfangreichen Spektrum sprachwissenschaftlicher Literatur bisher keine allgemein akzeptierte Benennung für die Zahlwörter für die Zahlen 11 bis 19, 21 bis 29, 31 bis 39 usw. gibt“ (Schuppener 2014, S. 13). Schuppener führt hierfür die Bezeichnung „höhere Einerzahlwörter“ ein (Schuppener 2014, S. 15).

3Schuppener unterscheidet E+Z („Einer und Zehner“), d.h. eine aufsteigende Bildungsreihenfolge wie in „einundzwanzig“ und Z+E („Zehner und Einer“), d.h. eine absteigende Bildungsreihenfolge wie in „zwanzigundeins“ oder „zwanzigeins“. Siehe hierzu S. 27 in Schuppener 2014.